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Dieser Blog ist kein Reiseblog im klassischen Sinne. Wir wollen Eindrücke von unserer Volunteer-Reise nach Nir Oz vermitteln und diese reflektieren. Zusätzlich wollen wir vor allem von der Situation im Kibbuz erzählen, den Menschen, die derzeit dort sind, was sie umtreibt und was sie im Kibbuz an Wiederaufbau geleistet haben und immer noch leisten. Daraus ergibt sich, wie wir als angereiste Gruppe helfen können – und weitere Gruppen werden helfen können. Aber all das wollen wir hier im Gesamtkontext der Katastrophe des 7. Oktober darstellen, denn dieses Trauma scheint immer noch von vielen nicht anerkannt zu werden. Und gleichzeitig wollen wir den Versuch wagen, zu beginnen, die Situation zu verstehen, zumindest ein Stückweit nachzuempfinden, das Ausmaß des Traumas anzuerkennen, anhand der Geschichten einzelner Menschen, die wir hier kennengelernt haben.
 © Felice Tavera

10.08.2024 - 1. Blogeintrag - 1. Reise nach Nir Oz

Der erste Blogeintrag gibt einen größeren Rahmen und Hintergründe zum Kibbuz Nir Oz und dem 7. Oktober, zusammen mit Eindrücken aus den ersten Tagen im Kibbuz. Die weiteren Blogeinträge werden sich stärker auf einzelne Aspekte und Themen konzentrieren.

15.08.2024 - 2. Blogeintrag - 1. Reise nach Nir Oz

Im zweiten Blogeintrag geht es um die unmögliche Situation der Kibbuzim - viele Häuser sind nicht bewohnbar, es ist unklar, wie viele Menschen zurückkommen wollen und vor allem warten wir noch immer auf die Geiseln. Bevor sie nicht nach Hause kommen, bleibt es der 7. Oktober in Nir Oz. 

28.07.2025 - 3. Blogeintrag - 4. Reise nach Nir Oz

Der dritte Blogeintrag reflektiert das Gefühlschaos, das einem im Angesicht des 7. Oktobers aufwühlt und wie daraus die Motivation und Haltung entsteht, mit der wir als Volunteers nach Nir Oz reisen.

17.08.2025 - 4. Blogeintrag - 4. Reise nach Nir Oz

Im vierten Blogeintrag geht es um ein Déjà-Vu-Erleben - dass uns die Tragik der Situation jeweils zum Ende von zwei Reisen nochmal wie ein Schlag getroffen hat.

10.08.2024 - 1. Blogeintrag - 1. Reise nach Nir Oz

Ein junger Clementinenbaum im Hain am Eingang des Kibbuz Nir Oz. Ein zärtliches Zeichen von Hoffnung auf den Wiederaufbau des Kibbuz. 

Zehn Monate sind seit dem 7. Oktober vergangen. Wir kennen alle die Bilder von diesem Tag. Die Bilder von den Bewohnern der Kibbuzim mit angstverzerrten Gesichtern, von Ermordungen, von Entführungen, von jubelnden Hamas-Terroristen. Wir kennen die Bilder von den Kibbuzim selbst, die Häuser verbrannt, teils vollständig niedergebrannt, an den Häusern und auf den Straßen Löcher von den Raketeneinschlägen und alle möglichen Dinge aus den geplünderten Häusern auf den Wegen des Kibbuz, Spielsachen, Geschirr, Bücher. Und wir alle kennen die Zahlen von diesem Tag. Besonders von dem mit am stärksten betroffenen Kibbuz Nir Oz. Einer von vier Menschen in Nir Oz wurden an diesem schwarzen Schabbat entführt oder ermordet. Ganze Familien wurden ermordet oder in den Gaza-Streifen entführt.

Das sind die Fakten, das sind die Zahlen, das ist, was wir seit dem 7. Oktober immer noch nur schwierig verarbeiten, verstehen, fassen können. Worte über diese Fakten hinaus zu finden, für das unermessliche Leid und die unfassbare Zerstörung, die die Terroristen an diesem Tag angerichtet haben, scheint unmöglich und sinnlos. Die emotionale Reaktion auf die Fakten und Bilder fällt vielleicht unterschiedlich aus, aber bewegt sich irgendwo zwischen unendlicher Trauer, Verzweiflung, Wut und auch Ohnmacht. 

Aber was es braucht, ist Hoffnung. Hoffnung, dass die 115 Geiseln nach Hause kommen, dass sie nach über 300 Tagen in der Gefangenschaft der Hamas noch leben, dass sie sich von dem ungeheuerlichen Trauma erholen können. Aber was heißt eigentlich „nach Hause“? Wie sehen die Kibbuzim zehn Monate nach dem Überfall aus? Wie gehen sie mit der jetzigen Lage um und was ist ihre Zukunftsvision? 

Die Antwort ist je nach Kibbuz unterschiedlich. In einer Gruppe von neun Menschen, die am 6. August aus Deutschland angereist sind, lernen wir zwei Realitäten kennen: Die vom Kibbuz Magen und die vom Kibbuz Nir Oz. Im Kibbuz Magen wohnen wir, in Häusern von Menschen, die momentan oder dauerhaft nicht mehr hier wohnen. Im Kibbuz Nir Oz helfen wir bei allem, was bei den Wiederaufbaubestrebungen anfällt. Einblicke in die Realität von Nir Oz haben wir im Rahmen des Solidaritätspartnerschafts-Vereins schon über Videotelefonate kurz nach dem 7. Oktober, Treffen und Besuche des Kibbuz im Mai bekommen. Die Lage war und ist desaströs. Die Kibbuzbewohner waren erst in Hotels in Eilat evakuiert, dann in einer Neubausiedlung in Kiryat Gat (in der Nähe von Ashkelon). Sie können, anders als die Menschen in Magen, nicht zurückkehren.

Denn im Kibbuz Magen sind die Folgen des 7. Oktober fast nicht sichtbar. Als um 6.30Uhr die Sirenen losheulten, gingen die knapp 350 Bewohner in ihre „Mammad“, also die Schutzräume ihrer Häuser. Die sind speziell mit dicken Wänden, Decken und Böden und Türen und Fensterabdeckungen aus Stahl versehen und werden je nach Größe gleichzeitig als Schlafzimmer, Arbeitszimmer oder Abstellraum genutzt. Am schwarzen Shabbat gingen in Magen nicht alle in die Schutzräume: Jemand vom Sicherheitsteam geht immer bei Raketenalarm auf den höchsten Punkt im Kibbuz, von dem aus man eine gute Übersicht über das Areal vor dem Gazastreifen hat – zwischen der Grenze des Gazastreifens und dem Kibbuz liegen nur 4km. Und von dort aus sah er die Terroristen auf Motorrädern und Trucks auf das Kibbuz zufahren, teilweise hatten sie den Zaun schon überwunden. Erst dachte er, es seien vielleicht israelische Soldaten, aber sie antworteten auf seine Rufe mit Beschuss. Das Sicherheitsteam konnte die Terroristen letztlich zurückschlagen, mit zwei Schwerverletzten und einem Getöteten, nach einer Stunde gaben die Terroristen auf. Alle Bewohner des Kibbuz überlebten. Dann waren sie monatelang in Hotels am Toten Meer evakuiert, was gerade für Familien mit Kindern ein schwer erträglicher Zustand war. Später konnten sie, mit als erste in der Region, in ihren Kibbuz zurück - und die meisten Familien sind tatsächlich zurückgekehrt, trotz des Traumas und trotz der aktiven Kriegsphase. Und so sehen wir, wenn wir nachmittags von der Arbeit in Nir Oz zurückkommen, ältere Leute auf kleinen Elektroautos durch die Wege des Kibbuz fahren, den kleinen, geschäftigen Einkaufsladen, das Schwimmbad voller kreischender Kinder und den Hügel, wegen dem das Kibbuz letztlich gerettet werden konnte, voller Jugendlicher auf ihren Fahrrädern und mit ihren Hunden spielend. 



 

Das Einschlagsloch einer Rakete vor der zerstörten Sukkah. Bis Freitagabend feierten Menschen Sukkot, ein Fest, bei dem man in selbstgebauten "Laubhütten" beisammen sitzt. Der "schwarze Schabbat" sollte eigentlich der fröhliche Feiertag zum Abschluss von Sukkot werden, Simchat Thora (Freude über die Thora). 


Diese Eindrücke an diesen Nachmittagen sind ein schwer zu verarbeitender Kontrast zu der Realität im Kibbuz Nir Oz. Wenn wir jeden Morgen um 7Uhr dort ankommen, fällt unser Blick zuerst auf die schwarz verkohlten Wände der Häuser, halb heruntergefallene Wellblechdächer, wie auf halbem Weg erstarrt, und ebenso schwarz verkohlt. Auf die vielen Gegenstände, die in den Vorgärten verstreut liegen, halb verdeckt von Laub und halb vertrockneten Pflanzen. Und dennoch sieht man auf den ersten Blick, was für ein wunderschöner Ort dieser Kibbuz eigentlich ist. Direkt am Eingang ist ein kleiner Hain angebaut, mit Zitrus-, Oliven- und Feigenbäumen, aber auch vor den Häusern findet man eine riesige Vielfalt von mittlerweile blühenden Pflanzen, und natürlich zieren Palmen die größeren Straßen des Kibbuz. Es gibt ein großes Gemeinschaftszentrum, einen großen Spielplatz, Rasen- und Blühflächen, Sportanlagen und ein Schwimmbad. All diese liebevoll errichteten, dekorierten, bemalten und gepflegten Orte innerhalb des Kibbuz lässt umso schmerzlicher empfinden, dass er, bis auf die Helfer, menschenleer ist. Man ahnt, was hier gewesen ist, welche Lebendigkeit und Lebensfreude, welches Gemeinschafts- und Verantwortungsgefühl für das gemeinsame Zuhause. Wie ein Schlag trifft einen darauf die unglaubliche Zerstörungswut, die aus den zerbombten, verbrannten Häusern entgegenzubrüllen scheint. Alles wird dumpf, man kann nicht verstehen, will nicht begreifen, dass das hier keine Naturkatastrophe war, sondern dass hier Menschen, verblendet durch Ideologie und abgrundtiefen Hass, gewütet und gemordet haben. Dass sie vor nichts und niemandem Halt gemacht haben. Vor den Türen der Häuser haben die Überlebenden des Kibbuz Bilder von den Bewohnern, aufgestellt, auf denen ganze Familien, ältere Ehepaare und glücklich lächelnde junge und alte Menschen abgebildet sind. Sie sind ermordet oder nach Gaza verschleppt worden. 75 Menschen wurden von hier entführt, davon sind 33 noch heute in der Hand der Hamas, aber von 11 von ihnen wissen wir bereits, dass sie in der Geiselhaft ermordet wurden oder an ihren Verletzungen gestorben sind.

Itay (Name geändert) führt uns vor unserem ersten Arbeitstag durch den Kibbuz, er selbst ist im Kibbuz aufgewachsen, lebt aber seit mehreren Jahren in einem Nachbarort. Wir gehen von Haus zu Haus und er erzählt, mit wem er zur Schule gegangen ist, mit wem er im Kinderhaus aufgewachsen ist, und was mit den jeweiligen Bewohnern am 7. Oktober passiert ist. Immer wieder verschlägt es ihm die Stimme, muss er sich sammeln. Er zeigt uns das Haus der Kalderons, deren Bilder wir von den Mahnwachen für die Geiseln kennen. Die Geschwister Erez und Sahar, 12 und 16 Jahre alt, versteckten sich in Büschen, wurden entdeckt und nach Gaza entführt. Nach 52 Tagen kamen sie frei, ihr Vater ist weiterhin in Geiselhaft, ihre Großmutter und Cousine ermordet. Als sie freikamen, erzählten sie, dass Kinder, die mit den Hamas-Terroristen gekommen waren, sie entdeckt und verraten haben. Dass es nicht nur männliche Kämpfer waren, die an diesem Tag in den Kibbuz eindrangen, ist aus mehreren Berichten und Videos bekannt. In der ersten Welle kam die Nukhba, eine militärische Spezialeinheit der Hamas, etwa mit 150 Kämpfern auf Trucks und Motorrädern. In weiteren zwei Wellen, zwischen denen sie verletzte Kämpfer und Geiseln zurück in den Gazastreifen brachten, kamen dann auch Frauen und Kinder mit, um die Häuser zu plündern. Itay erzählt, dass erst niemand verstanden hat, warum im Kibbuz nach dem Überfall überall Flipflops herumlagen, bis sie verstanden haben, dass die Hamas-Kämpfer in Flipflops kamen, um dann Schuhe aus den Häusern des Kibbuz mitzunehmen. Ein völlig surreales Bild. Alles Wertvolle wurde mitgenommen, alles andere vor den Häusern zerstreut oder in den Häusern verbrannt. 

Itay (Name geändert) zeigt uns, wie der Kibbuz in seiner Entstehung 1955 aussah - wenige, schlichte Holzhäuser inmitten der Wüste. Für den Rest des Kibbuz wurden immer erst Bäume gepflanzt und dann die Häuser dazugebaut.

Nur in sechs Häusern konnten die Terroristen nicht eindringen. Und auch die Mutter von Erez und Sahar, konnte die Tür zu ihrem „Mammad“ so festklemmen, dass die Terroristen nicht hereinkamen. Die Armee kam acht Stunden später und sie überlebte. Ein anderes dieser Häuser ist das von Rotem (Name geändert). Er konnte sich und seine Familie retten, die Terroristen kamen nicht in sein Haus. Jetzt koordiniert er die Helfer im Kibbuz. Das sind sowohl Überlebende, ehemalige Bewohner des Kibbuz, Menschen, die für wenige Tage oder für einen Tag pro Woche aus ganz Israel angereist kommen und unsere Gruppe. Zu den Überlebenden gehören natürlich die israelischen Kibbuzniks, aber auch thailändische Staatsbürger, die vor dem 7. Oktober dort vor allem in der Landwirtschaft gearbeitet haben und auch im Kibbuz lebten. Elf von ihnen wurden ermordet, fünf als Geiseln genommen, aber später befreit, und einige sind in das Kibbuz zurückgekehrt und wollen beim Wiederaufbau und in der Landwirtschaft helfen. Der Ort ist für sie ebenso ein Zuhause geworden.

Rotem kümmert sich also um uns alle, ist gefühlt immer an zehn Orten gleichzeitig, telefoniert, koordiniert, fährt im Kibbuz herum, immer mit seiner Hündin im Schlepptau, die ihn keine Sekunde aus den Augen lässt. Auch Yuval (Name geändert), der im Kibbuz aufgewachsen ist, dann jahrelang im Ausland gelebt hat, und seit dem 7. Oktober als einer der sehr wenigen tatsächlich im Kibbuz wohnt, ist unsere Ansprechperson. Er hilft uns bei unseren Aufgaben und schenkt uns Kaktusfeigen aus dem beeindruckenden Kakteengarten von Oded Lifshitz, einem Journalisten und Friedensaktivisten, der noch immer in Gaza ist. Nach unserem Arbeitstag sitzen wir mit Yuval am Plastiktisch vor der großen Reparaturwerkstatt, essen die Kaktusfeigen, trinken Kaffee und rauchen eine Zigarette. Dann bedanken wir uns, steigen in unsere Autos und fahren nach Magen, wo wir auf dem Weg zu unseren Häusern die Vögel und Kinder übermütig kreischen hören und uns vor wirrem Glücklichsein darüber die Tränen kommen. 

15.08.2024 - 2. Blogeintrag - 1. Reise nach Nir Oz


Am 12. August sind auf dem Instagram-Kanal des Kibbuz Nirim Bilder von Abrissbaggern zu sehen, unter der Überschrift:

Heute beginnen wir ein neues Kapitel unseres Kibbuz: Der Prozess, die Gebäude des Jugendviertels abzureißen, die uns so viele Jahre begleitet haben und die am 7. Oktober verbrannt wurden, hat begonnen. Der Abriss symbolisiert den Beginn unseres Weges zum Wiederaufbau. Der Prozess kann schmerzhaft und beängstigend sein, mit seinem ohrenbetäubenden Lärm und Wolken von dichtem Staub in der Luft. Der Abriss ruft ein Gefühl von Instabilität, Unruhe aus, und Tränen. Viele, viele Tränen. Tränen über den Verlust dieser Nachbarschaft, die mit Lebenslust und Lachen gefüllt war. Tränen für die, die ermordet, verschleppt und verletzt wurden. Tränen über alles, was an diesem verfluchten Tag zerstört wurde. Und trotzdem… Aus diesen Trümmern wird etwas Neues wachsen. […]“
[übersetzt aus dem Hebräischen]


Die Straße, die zu den drei benachbarten Kibbuzim Nirim, Nir Oz und En HaShlosha führt. In Nirim haben bereits Abbrucharbeiten begonnen. In Nir Oz ist das noch nicht denkbar.

Der Abriss von vollständig ausgebrannten, zerstörten Gebäuden ist ein Prozess, dem sich viele der von der Hamas angegriffenen Kibbuzim werden stellen müssen. In Nir Oz hat die Kibbuzverwaltung eine Karte erstellt, auf der die Häuser gelb markiert sind, die derart zerstört sind, dass sie nicht wieder bewohnbar gemacht werden können. Mit kleinen Klebepunkten ist markiert, ob die Bewohner der jeweiligen Häuser ermordet, verschleppt oder wieder befreit worden sind. Als wir die Karte zum ersten Mal sehen, zeigt Itay [Name geändert] auf einzelne Häuser und erzählt, wer dort gewohnt hat, was sie über den Verbleib der Personen wissen, wer die Befreiten sind.

Zwei Häuser auf der Karte fallen ins Auge: Das Haus mit den vier blauen Punkten, das Haus der Familie Bibas. Das Video von Shiri Bibas, die ihre beiden Söhne mit den leuchtend roten Haaren, Ariel und Kfir, im Arm umklammert hält, ist eines der erschütterndsten Dokumente des 7. Oktober. Noch Anfang August haben wir Ariels fünftem Geburtstag gedacht, sein Bruder Kfir ist in der Gefangenschaft ein Jahr alt geworden. Es ist schwer begreiflich, dass Kfir mittlerweile längere Zeit in der Gefangenschaft der Hamas lebt, als frei in dieser Welt. Es gibt ein Video von einer Überwachungskamera in Khan Younes am 7. Oktober, in der Shiri mit ihren beiden Söhnen lebend zu sehen ist. Ob sie heute noch leben, wissen wir nicht. Ein anderes auf der Karte gelb markiertes Haus ist mit fünf roten Punkten versehen. Wenn man an dem Haus mitten im Kibbuz ankommt, sind nur die verbrannten Überreste zu sehen, und ein großes Transparent mit dem Foto einer wunderschönen Familie. Die Familie Kedem Siman Tov, Kedem und Yonathan, ihre fünfjährigen Zwillinge Sahar und Arbel, und Omer, ihr zweijährigen Sohn, lachen in die Kamera. Ihr Haus ist nicht mehr bewohnbar und sie werden nie mehr zurückkehren. Die Trauer, die einen überrollt, wenn man vor dem Anblick des Hauses und des Fotos steht, ist kaum auszuhalten.

Diese Gebäude, diese Häuser, ein Zuhause, abzureißen, wird eine Zäsur sein. Eine schmerzhafte, die die Endgültigkeit, den Tod und das Nie-mehr-zurückkommen auf eine brutale Art noch einmal bestätigt. Also auch eine Zäsur, die jetzt gerade undenkbar ist. Denn noch immer hoffen wir auf die Rückkehr von so vielen Menschen und ganzen Familien. In Israel hört man seit dem schwarzen Shabbat immer wieder den Satz "Für uns ist seit über 10 Monaten der 7. Oktober". Er beschreibt das Gefühl der Ohnmacht und Fassungslosigkeit und die Unfähigkeit, einfach weiterzumachen, angesichts der 115 Menschen, die immer noch in Gaza sind. Also geht es im Moment nicht um den großen Neuanfang, sondern vor allem um die Verhandlungen mit der Hamas, die die Geiseln nach Hause bringen sollen. Dafür demonstrieren Menschen aus Nir Oz jede Woche am Samstag in Kiryat Gat, wohin sie evakuiert wurden, stehen mit Bildern ihrer Angehörigen und Freunde an der Straße, richten sich an die Medien und die Politik. Im ganzen Land schließen sich ihrem Protest Tausende Menschen an.

Und im Kibbuz selbst geht es jetzt darum, den Ort so herzurichten, dass die Geiseln und die Evakuierten nach Hause kommen können, wenn sie das wollen. Ein wichtiger Schritt für die Gemeinschaft war es, das verwüstete und zerstörte Gemeinschaftshaus wieder herzurichten. Guy [Name geändert], ein Soldat, mit dem wir jeden Tag im Kibbuz arbeiten, erzählt uns, dass sie vor etwa drei Wochen den großen Gemeinschaftsraum aufgeräumt und mit allen erdenklichen Putzmitteln gereinigt haben, dann den kleinen Raum innerhalb des Gebäudes gestrichen und mit Bildern aus dem Kibbuz dekoriert haben. In diesem Teil des Gemeinschaftshauses essen alle im Kibbuz Helfenden jeden Tag zu Mittag. Wenn Rotem [Name geändert], der alles koordiniert, in den gut gefüllten Speiseraum kommt, leuchten seine Augen, er geht von Tisch zu Tisch, begrüßt alle und setzt sich dann dazu. Und so holen sich die Menschen aus Nir Oz Stück für Stück diese Orte des Zusammenkommens und der gemeinsamen Aktivitäten zurück. So sind sie auch jeden Donnerstag, der in Israel den letzten Arbeitstag vor dem Wochenende markiert, am Schwimmbad des Kibbuz, alle Helfenden sitzen zusammen, es gibt Cola, Wassereis und Nüsse, einige gehen schwimmen und kurz vergisst man, dass rund um das intakte, mit bunten Sonnensegeln geschmückte Schwimmbad Zerstörung und Chaos herrscht.

Ein Kinderbuch in den Trümmern eines Hauses. 
Keine persönlichen Gegenstände an und in den Häusern werden bewegt oder berührt.

So sehr es die Bestrebung gibt, den Kibbuz wieder aufzubauen, herrscht ein tiefer Respekt vor den privaten Häusern und Grundstücken im Kibbuz. Wenn wir an einer neuen Grünfläche, einem Hain, Blühstreifen oder Garten arbeiten, ist der erste Schritt, zu klären, was wir nicht anfassen. In den öffentlichen Bereichen, die dem Kibbuz gehören, räumen wir auf, stutzen, sägen, kürzen, bewässern wir, reparieren das Bewässerungssystem und sammeln Müll auf. Aber sobald es in den Vordereingang von privaten Häuser geht, wo Gegenstände und Möbel der Bewohner stehen, schneiden wir höchstens ein paar wuchernde Pflanzen zurück. Denn alles soll so bleiben, wie die Bewohner es am 7. Oktober verlassen haben. Es wird ihre Entscheidung sein, wie sie mit ihren Sachen umgehen wollen, und auf keinen Fall soll der Eindruck entstehen, es sei nicht auf sie gewartet worden. Sowohl für diejenigen, die evakuiert, als auch die, die verschleppt sind. In Einzelfällen haben Bewohner darum gebeten, dass Aufräumarbeiten übernommen werden und es wird ganz genau abgesprochen, was wie bearbeitet werden darf. 


Also arbeiten wir an einem Tag erst an einer Häuserreihe, von der wir wissen, dass sie einmal komplett abgerissen werden muss, genauso gründlich wie dann an einer Häuserreihe von Bewohnern, die teils schon zurückgekommen sind, teils mit Sicherheit und in naher Zukunft zurückkommen werden. Das scheint vielleicht merkwürdig, aber wenn man durch den Kibbuz fährt, durch diese und jene Häuserreihen, und die wuchernden und rankenden Pflanzen und das Unkraut und trockenes Laub und Dreck alles unter sich begraben, strahlt er nicht die Hoffnung und Lebendigkeit aus, auf die wir hoffen. Dagegen ist es ein tröstendes Bild, wenn in dieser doch unnachgiebigen Wüste die ordentlich zurechtgestutzten, blühenden Büsche bewässert werden. 

28.07.2025 - 3. Blogeintrag - 4. Reise nach Nir Oz


Eine psychologisch-emotionale Analyse 
unserer Nir-Oz-Reisen
oder: 
Warum es nicht meschugge ist, nach Nir Oz zu fahren

Vor meiner zweiten Reise nach Nir Oz schreibt meine israelische Freundin mir: „Du bist meschugge, dass du herkommst. Ich freue mich so und ich danke dir, aber du bist doch meschugge!“ Und es stimmt, ich empfinde Angst - nicht so sehr wie vor genau einem Jahr, im August 2024. Aber dennoch. Also versuche ich zu reflektieren, warum ich wieder im El-Al-Flieger sitze und im Auto nach Nir Oz nur noch empfinde, genau richtig zu sein, hier und jetzt. 

Denn vor einem Jahr war da viel Angst – die Angst vor dem angedrohten iranischen Großangriff, Angst vor möglichen Raketenabschüssen der Hamas auf den Kibbuz, Angst, mehr als ein paar Meter von einem der öffentlichen Bunker entfernt zu sein, Angst, es nicht in den 20-30 Sekunden zu schaffen, in den Bunker zu rennen, Angst, erleben zu müssen, wie es ist, mit den Armen über dem Kopf auf dem Boden zu liegen und zu hoffen, die Rakete möge nicht in unmittelbarer Nähe einschlagen. Aber auch die Angst vor der eigenen, psychischen Reaktion auf die Zerstörung und Gewalt, deren Zeugen schwarz verkohlte Gebäude, abgebrannte Wiesenflächen. Und die emotionale Reaktion auf die Poster an den Türen der Häuser im Kibbuz, von denen die Bewohner, ermordet oder entführt, mich anlächeln. Angst auch vor meiner Reaktion auf die Geräuschkulisse im Kibbuz. Der Gazastreifen ist wenige Kilometer entfernt und ich begreife zum ersten Mal, dass Krieg ohrenbetäubend ist, und wie die Abschüsse, Detonationen, Luftschläge einem eine bisher wenig bekannte existentielle Angst bis ins Mark fahren lässt.

Am Rande des Kibbuz stand hier (rechts) ein Haus, das am 7. Oktober bis auf das Fundament niederbrannte. Nur der Schutzraum (genannt "Mamad") steht noch. Die schwarze Fahne bedeutet, das hier jemand ermordet wurde, die gelbe Fahne mit blauer Aufschrift, dass jemand entführt wurde und nach Hause zurückgekehrt ist.

Und während ich das so aufzähle, muss ich mich selbst fragen: Warum sind wir trotzdem in den Kibbuz gefahren? Es wirkt wenig rational, es wirkt vielleicht sogar naiv, dumm, risikosuchend. Und der Terror, sei es von Hamas, Hisbollah, Houthis, Palestinian Islamic Jihad, versucht, Angst zu nähren und sie zum dominanten Gefühl zu machen. Aber es gibt Emotionen, die mächtiger sind, als Angst. Emotionen, die andere Verhaltensweisen möglich machen, als Schockstarre oder Flucht. Jede Emotion hat ihren Wert, ihre Berechtigung, und ihre Konsequenzen. 
Da ist die Fassungslosigkeit angesichts der Ereignisse des 7. Oktober, des wütenden Hasses, der Brutalität, der Unmenschlichkeit. Eine Fassungslosigkeit, die nach Gewahrwerdung sucht. Nach Begreifen, Verstehen dessen, was jede Vorstellungskraft sprengt.
Da ist die unendliche Traurigkeit angesichts der Opfer, der Ermordeten, Verschleppten, Verletzten dieses Massakers. Trauer darum, dass Menschen Familien, Gemeinschaften, Partner, Freunde, Kinder verloren haben. Und dass sie ihre Heimat, ihren Lebensmittelpunkt, ihre Arbeitsstätten, ihr Haus verloren haben, die sie so liebevoll und auch zukunftsgerichtet gestaltet haben. Trauer, die Gemeinschaft, Austausch, Trost, Solidarität und aneinenander Festhalten sucht. 
Und da ist Wut. Wut, dass so etwas passieren konnte, Wut angesichts der Reaktion verschiedener Gruppen und Individuen, die das Massaker als „Widerstand“ oder ganz einfach, nach wiederholt historischer Tradition, Pogrom an den Juden feiern. Da ist mit jedem Tag, mit jeder Minute mehr Wut darüber, dass die internationale Gemeinschaft nach hunderten Tagen nicht in der Lage ist, eine Geiselfreigabe zu erzwingen, dass es nicht einmal eine Idee gibt, wie die verbleibenden Geiseln endlich wieder nach Hause können. Und da ist auch Wut darüber, dass die Hamas sich in zivilen Gebäuden verschanzen und im Gazastreifen weiterhin genug Macht hat, um die Hilfsgüterverteilung schwierig bis unmöglich zu gestalten, sodass das Leid und die Not in der Zivilbevölkerung immer weiter steigen. Und immer mehr israelische Soldaten diesen Kampf mit ihrem Leben bezahlen. Diese Wut sucht Aktion. Sie macht es unmöglich, in Deutschland zu bleiben und zuzuschauen, thoughts and prayers. Ja, wir beten, ja wir denken jeden Tag an die Geiseln. Aber die Wut bewegt den Motor, mit dessen Kraft wir Solidarität durch Präsenz und Tat zeigen.

Die Volunteergruppe im Botanischen Garten vor den Toren von Nir Oz - den hohen Temperaturen zum Trotz.

Deswegen fahren wir nach Nir Oz, immer wieder. Um zu begreifen, was Judenhass in unserer modernen Welt anrichtet, dass totalitäre, islamo-faschistische, antisemitische Ideologie aus Menschen Monster machen kann. Wir fahren hin, um die Trauer und das Leid zu teilen, zuzuhören, auch wenn es einem das Herz zerreißt. Und ich meine, was ich sage. Nicht das ausgeleierte Sprichwort, sondern eine nur zu reale körperliche Empfindung, die wahrscheinlich jeder kennt, der je einem Betroffenen des schwarzen Shabbat gegenübersaß, um seine Geschichte anzuhören. Und wir fahren als Volunteers in den Kibbuz, um unsere Wut in etwas umzuwandeln, was nicht zerstörerisch, sondern schaffend ist. Unsere Wut ist die notwendige Bedingung für Hoffnung. Wut verspricht Veränderung, Kraft, Aktion. Und all das steckt in Wiederaufbau, Gartenpflege, Renovierung, künstlerische Gestaltung und Teilhaben am Kibbuzleben. All das schafft Hoffnung bei uns und – so die Rückmeldung der Kibbuzniks – bei den Helfenden und den noch lebenden Nir Ozniks, die zurückkommen wollen. 

17.08.2025 - 4. Blogeintrag - 4. Reise nach Nir Oz

Während dieser Reise, meiner zweiten Reise, der vierten Vereinsreise, habe ich ein Déjà-Vu-Erleben. Im August 2024 wollte ich mehrere Blogeinträge schreiben, wollte über unsere Arbeit, den Kibbuz, Begegnungen und Geschichten von Bewohner:innen schreiben. Ich hatte meine ersten beiden Blogeinträge veröffentlicht und wollte in der dritten Woche einen dritten schreiben. Doch dann fand die IDF in just dieser Woche die Leichen von Yagev Buchshtab, Alexander Dancyg, Avraham Munder, Yoram Metzger, Chaim Peri, Nadav Popplewell in Khan Younis. Am Morgen dieser Nachricht war die Stimmung im Kibbuz komplett umgeschlagen. Wenn vorher die Arbeit, die Hoffnung, die Zuversicht und das Einander stützen und motivieren im Vordergrund stand, war es nun bodenlose Trauer und Niedergeschlagenheit. Innerhalb eines Tages wurden zwei Beerdigungen organisiert, wir halfen, wo wir konnten und arbeiteten sonst autonom und leise in einem Areal weit entfernt vom Friedhof. Wir gingen zu beiden Beerdigungen, die herzzerreißend, bitter und traurig waren. Die Trauer, die sich zu diesem Ereignis in der Gemeinschaft spüren ließ, hat uns getroffen wie ein Schlag. Denn natürlich war sie immer da, mehr oder weniger unterschwellig, mehr oder weniger maskiert durch den Alltag, freudige, lustige, gute Erlebnisse zusammen, bei der Arbeit, beim Mittagessen, beim Feierabend. Und jetzt standen wir auf diesem Friedhof, jeder Funke Optimismus, Hoffnung, Kampfgeist, verpufft. Nur noch Schwere. 

Und in dieser Schwere sind wir verharrt, die restlichen Tage, die wir dort waren. Und nach der Arbeit hat sich eine Erschöpfung breit gemacht, die es mir unmöglich gemacht hat, Worte für irgendetwas von dem Erlebten zu finden. Ich hatte viele Gedanken, zur Kraft, nein, zur Wucht des gemeinsamen Trauerns, zu der Gleichzeitigkeit von Trauer, Verzweiflung und Optimismus und Tatendrang, zu den Kontrasten, die am Inneren zerren. Aber es waren zu viele Gedanken, zu wirr, zu klebrig, zu düster. 

Und das war das Déjà-Vu-Erlebnis dieses Jahr. Ich wollte einen zweiten Blogeintrag verfassen, hatte angefangen, Eindrücke zu beschreiben, und wollte ihn kurz nach unserer Rückreise fertigstellen. Und an diesem Freitag unserer Rückkehr veröffentlichten der Palästinensische Islamische Dschihad und die Hamas Videos der beiden Geiseln Rom Braslavski und Evyatar David. Videos. Ich finde nicht einmal ein adäquates Adjektiv für diese Videos, wage nicht einmal, danach zu suchen. Die Wirkung war, zumindest für mich, völlige Lähmung. Und wieder klang alles, was ich schreiben wollte, was ich geschrieben hatte, unter dem Eindruck unserer Arbeit im Kibbuz, der Tatkraft aller Helfenden, alles klang sinnlos, ja, unangemessen. Aber auch hier war es wieder die Gleichzeitigkeit von alledem, die ich meistens aushalten kann, und die dann, nach so einem Schlag ins Gesicht, zu einer Seite kippt und mich lähmt. Dass das exakt der intendierte Effekt dieser psychologischen Kriegsführung gegen Israel, gegen alle Jüdinnen und Juden weltweit, gegen israelsolidarische Menschen, ist mir bewusst, und doch kann ich dem nichts entgegensetzen. Diese Brutalität, Barbarei, Menschenfeindlichkeit schlägt mich kurzzeitig k.o. Nur mit der Zeit schaffe ich es, wieder eine Gleichzeitigkeit herzustellen. Gleichzeitigkeit von Trauer, Niedergeschlagenheit und Hoffnung und Tatendrang. Und ich bin mir selbst und meinem Umfeld dankbar, dass wir beides, und manchmal Ersteres mehr als Letzteres, gemeinsam aushalten. Denn beides ist wichtig: Trauer und Verzweiflung zuzulassen, angesichts der über 650 Tage, die die Geiseln in den Händen der Hamas und des PIJ sind, angesichts des Kriegs in Gaza, und gleichzeitig nicht in eine Schockstarre zu verfallen, die letztlich ebenso verheerend ist wie Gleichgültigkeit. Die Angehörigen der Geiseln leben diese Gleichzeitigkeit seit nunmehr fast zwei Jahren. Es muss unendlich viel Kraft kosten. Aber vielleicht ist es genau das Pendel zwischen dem gemeinsamen Trauern und gegenseitigem Trösten auf der einen Seite, und der gemeinsamen Wut und Tatkraft auf Demonstrationen, Reisen und Treffen wichtiger Entscheidungsträger und Öffentlichkeitsarbeit auf der anderen Seite, das diese Gruppe mit ihren Forderungen bei Kraft hält.